WM-Text Exklusivveröffentlichung: „Du hast die Haare schön!“

Wir sitzen im Bus, der uns zur Zülpicher Straße – der Kneipenmeile Kölns – bringt und sind immer noch berauscht von Neuvilles Tor und Odonkors Flanke in diesem Moment von Dortmund. Wir singen Lieder, die zwar völlig ohne Sinn, aber dafür diesem Moment angemessen sind. Als dieser „schöne Pfiffi“ einsteigt, ölen wir die Stimmbänder. Er ist einer von der Sorte, die sonst höchstens für die Bayern den Fernseher anschalten. An seiner Hand führt er einen Schuss im Girlie-Trikot. Hinter mir stimmt Peter das Lied an, dass eigentlich für Michael Steinbrecher erfunden ist: „Du hast die Haare schön! Du hast die Haare schön! Du hast, Du hast, Du hast die Haare schön!“ Der ganze Bus steigt ein. Der Pfiffi lacht, die Perle auch. Wir hauen uns vergnügt auf die siegreichen Schenkel. David Odonkor hatte geflankt, Oliver Neuville das Tor gemacht – alles ist gut, alle sind Freunde, alle freuen sich.

Wir kommen schließlich dort an, wo man an diesem Abend sein sollte. Die Zülpicher Straße in Köln brennt. Wildfremde Menschen liegen sich in den Armen, sind glücklich, geben sich Biere aus, leben die WM, schreien ihre Freude in eine grandiose Nacht. Wir schauen uns verwundert an und schütteln ungläubig mit dem Kopf. Neuville hatte getroffen, Odonkor geflankt.

Kommt eine dieser – im normalen Ligaleben fadenscheinigen – Frauen im DFB-Top und Jeans-Minirock daher, verbünden sich die umstehenden Fangruppen und singen für sie: „Du bist die Tochter von Klinsmann, Tochter von Klinsmann, Du bist die Tochter von Kliiiinsmann. Du bist die Tochter von Klinsmann.“ Alle lachen, freuen sich – Neuville hatte getroffen, Odonkor geflankt.

Fährt ein Taxi durch die Straßen und hat keines dieser 1,60 Euro-Fähnchen am Gefährt wird er mit einem „Du hast keinen Fähnchen dran, Du hast kein Fähnchen dran, Du hast, Du hast, Du hast kein Fähnchen dran“ in die Nacht geschickt. Er hupt rhythmisch, alle jubeln. Neuvilles Tor und Odonkors Flanke sei Dank.

In der Zülpicher Straße setzen sich derweil gut 1.500 Menschen auf den Boden. Einige Besoffene hatten es von ihnen verlangt. Sie antworten einem noch betrunkeneren Einpeitscher und bilden in einzelnen Schritten das Wort „H U M B A“. Als sie fertig sind, springen sie auf und tanzen. Neuville hatte getroffen, Odonkor geflankt.

Als ich im Morgengrauen nach Hause wanke, kommen mir drei Youngster entgegen. Sie tuscheln bevor sie an mir vorbei gehen. Kurz nachdem ich sie passiert habe, drehen sie sich um und rufen in meine Richtung: „Du hast die Haare schön! Du hast die Haare schön! Du hast, Du hast, Du hast die Haare schön!“. Sie lachen, ich lache. Deutschland ist ein puppenlustiger Ort in diesen Tagen, wenn Neuville trifft und Odonkor flankt.

Dieser Text ist erschienen im wunderbaren Fußball-Buch „Nach Vorne!“ (Werkstatt-Verlag).
Pressestimmen dazu:

„… ein Genuss!“ (Kölnische Rundschau)
„Fußball und Kultur – geht doch!“ (Mittelbayerische Zeitung)
„… allerbeste Klo-Lektüre!“ (11Freunde)
„Rennt in die nächste Buchhandlung!“ (Zwölf)

Wer dieses grandiose Buch haben möchte, kann „Nach Vorne!“ hier bestellen
.
Und wer sich das Tor von Neuville noch einmal ansehen möchte:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.