Top-5 der Fußball-Momente 2008

nase_bohrenDie Wiedergeburt von „Poldi und Schweini“ im EURO-Sommer, die Flucht des Kevin Kuranyi oder die unglaubliche Trefferquote des einstigen Rumpelfuss Vedad Ibisevic. Das vergangene Jahr war wieder einmal voll von diesen großen Momenten. Was aber waren die größten Momente? Was waren die kleinen und großen Augenblicke des Spiels, die uns kurz verzauberten und die heute schon wieder Geschichte sind. Wir sagen es Euch. Unsere Top Five der Fußball-Momente 2008.

Platz 5: Weil in dieser Rangliste nie ein Aachener Moment fehlen darf, ist ein Interview beim DSF vor einem eigentlich mittelmäßig bedeutsamen Zweitligaspiel dabei. Interviewpartner war Jörg Schmadtke und er gab es in seiner unnachahmlichen Art. Fast beiläufig verkündete er seinen Rückzug von Alemannia Aachen zum Saisonende – wohlwissend, dass dieses Spiel gegen Mainz 05 sein letztes am Aachener Tivoli sein würde. Schmadtke hatte in Aachen angefangen, als die Spieler der Alemannia mit Sammelbüchsen durch die Kaiserstadt zogen, um den Verein zu retten und so etwas wie Liquidität aufrecht zu erhalten. Niemand hätte damals von Erlebnissen wie Pokalendspielen, UEFA-Cup oder Bundesliga-Spielen geträumt. Nicht zuletzt Dank Jörg Schmadtke standen etwas später Tausende Alemannia-Fans im Berliner Olympiastadion und feierten sich selbst und ihre Mannschaft wie kaum jemand zuvor. Nicht zuletzt Dank Jörg Schmadtke standen die gleichen Alemannia-Fans im Athener Olympia-Stadion und feierten ein Siegtor von Erik Meijer. Und nicht zuletzt Dank Jörg Schmadtke steht bald in Aachen ein neues Stadion, das den alten und ehrwürdigen Tivoli an der Krefelder Straße ablöst. Gerade letzteres ist für einige wenige eine Schattenseite der Aachener Schmadtke-Ära – eine Schattenseite, die er selbst so aber nie verfolgt hat, sondern die primär der Phantasie seiner oberschlauen Mitstreiter auf der Aachener Geschäftsstelle geschuldet ist. Daher war Schmadtkes Abgang nur eine logische Schlussfolge. Im Sommer 2009 ist der Aachener Tivoli Geschichte. Die Uhren werden anders laufen in Aachen. Sie laufen eigentlich schon anders, seit diesem Tag im Spätherbst, als Jörg Schmadtke dem DSF ein eigentlich harmloses Interview gab.

Platz 4: Ein Mann aus Haiti in Köln. Im Selbstverständnis der Kölner, ein ganz normaler Zustand. Schließlich sehen die sich gerne tolerant und weltoffen. Da ist ein schwarzer Fußballer aus Mittelamerika geradezu eine Steilvorlage – erst recht, wenn er mit einem überdimensionalen Kölschglas über den Fußballplatz in Müngersdorf läuft. Maynor Suzao heißt der junge Mann, der für drei Spiele ein ausgemachter Kölner Held wurde – um anschließend wieder in der Versenkung zu verschwinden. Der 1.FC Köln machte den Aufstieg in die erste Liga in genau drei Spielen klar. Die Gegner hießen Hoffenheim, Augsburg und Mainz 05. In diesen Spielen drehte der defensive Mittelfeldspieler aus Haiti dermaßen auf, wie man es ihm – vor allem, wenn man ihm vorher zuschauen musste – niemals zugetraut hatte. Und am Ende war er so sehr Kölner, dass er bei der Feier nach dem Schlusspfiff gegen Mainz wie ein Brausekopf über den Platz fegte – einen FC-Schal um das Haupt und eben ein 5-Liter-Kölschglas in der Hand. Mittlerweile steht Maynor Suazo schon lange nicht mehr im Kader des 1.FC Köln und niemand in Müngersdorf spricht mehr über den Mann aus Haiti. Aber tragisch ist das nicht – denn der Mann hatte seinen Moment und war für drei Nachmittage einer von ihnen – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Der rasende Suazo– ein großer Moment des Jahres, gerade weil heute niemand mehr darüber spricht.

Platz 3: Zugegeben: Man kann über Oli Kahn denken, was man möchte. Man kann denken, dass der Mann selbstherrlich ist, dass er zu sehr von sich eingenommen ist oder, dass er einfach nur einen Knall hat. Viele der Vorurteile über ihn wurden bei seinem offiziellem Abschied in der Allianz-Arena bestätigt. Ein unwirklicher Abgang in die Katakomben der Arena, begleitet von den Kameras des ZDF, der in den albernen Worten „So – das war´s“ unnachahmlich raus gepresst, endete. Nein – das war sicher kein Moment des Jahres. Der Oliver-Kahn-Moment des Jahres fand bereits im Frühjahr 2008 in einer spanischen Kleinstadt, in Getafe, statt. Was war passiert? Kahns Mannschaftskamerad Luca Toni drehte in der 121. Minute ein Spiel, das schon hundert Mal verloren war. Der mit nach vorne geeilte Kahn drehte anschließend komplett durch und startete einen unnachahmlichen Jubellauf über den gesamten Platz an dessen Ende Marc van Bommel einen mittelschweren Kinnhaken verpasst bekam. In diesen Sekunden war Kahn der Mann, der er alle die Jahre war und der heute ein bisschen fehlt: ein Torwart mit einem Knall, aber weder selbstherrlich, noch von sich eingenommen – einfach nur ein Torwart, der ein Spiel gewonnen hatte. Was für ein großer Moment des Jahres: Oliver Kahn völlig losgelöst in einer spanischen Kleinstadt – irgendwann im März, ohne peinliche Abschiedschoreographien vor ZDF-Kameras.

Platz 2: Als John Terry zum Elfmeterpunkt ging, war klar: Hier werden wir gerade Zeuge eines der ganz großen Momente des Jahres – egal ob der Kapitän des FC Chelsea nun trifft oder nicht. Terry traf nicht. Der Mann im Londoner Starensemble, der als einziger den Weg über die eigene Jugendabteilung gegangen war, der neben all den Drogbas, den Ballacks oder den Essiens der einzige echte Chelsea-Profi ist. Er hätte seinem Verein den so sehr gewünschten Europapokal mit einem Schuß holen können. Er hätte ihn mit zur Stamford Bridge gebracht und ihn den Seinen entgegengereckt. Er tat es nicht, weil er weg rutschte und deshalb nur den Pfosten traf. Was für eine tragische, fast triefende Scheiße! John Terry trifft den Pfosten, Manchester United holt den Pokal und von Cristiano Ronaldos Fehlschuss kurze Zeit vorher redet kein Mensch mehr. Ein Moment des Jahres 2008.

Platz 1: Die EM war wieder eine Party in den Straßen der Republik. Lange hatten die Kids seit 2006 darauf gewartet. Kleine und große Mädchen bemalten sich mit schwarz-rot-gelber Schminke, muskulöse Jungs wurden spitz davon. Die Feierlichkeiten dauerten lange, denn die deutsche Elf schaffte es immerhin bis in das Finale. Manchen mag das ganze Abfeiern genervt haben – eben genauso, wie das akkurat durchgeplante Unternehmen „Gipfelsturm“ des Oliver Bierhoff. Denn dieser Gipfelsturm beinhaltete nicht nur die erhoffte Endspielteilnahme, sondern auch eine perfekte und jederzeit kontrollierte Außendarstellung der Nationalmannschaft. Da hatte Torsten Frings die DFB-Armbanduhr während der Pressekonferenzen zu tragen und ordnungsgemäß in die Kamera zu halten. Da durften wir sauber geplante Stadion-Choreos mit Paule, dem deutschen Maskottchen bewundern. Und mehr noch: die zu Hause so schön Feiernden durften sich laut Bierhoff auf einen „Tag der offenen Tür“ nach der EM freuen – beste PR und Öffentlichkeitsarbeit aus dem Lehrbuch. Alle spielten mit – fast alle. Denn ausgerechnet der Kapitän der Gipfelstürmer hatte nach der Finalpleite gegen Spanien den Kanal voll. Die Aufforderung Bierhoffs sein wunderschönes „Danke-Plakat“ für die deutschen Fans doch ein bisschen näher an die Fankurve zu platzieren, nahm Michael Ballack zum Anlass, seinem Manager ordentlich eine zu zimmern. Nur mühsam konnten die Kollegen ihn daran hindern. Schade eigentlich – denn was war das für ein innerer Parteitag nach dreißig Tagen Party-Gedudel sogar in der eigenen Stammkneipe. Nach dreißig Tagen Event-Fußball auf den Fußgängerzonen Kölns, Münchens oder Hamburgs mit Leuten, denen das Spiel in den nächsten beiden Jahren wieder so egal sein wird, wie die Armbanduhr von Torsten Frings. Weil Michael Ballack mir und so vielen anderen direkt aus dem Herzen sprach, in dem er selbst die Fäuste sprechen ließ, ist sein Angriff auf Oli Bierhoff für uns der Moment des Jahres 2008. Ein echter Kapitän eben. Danke Capitano!

Diesen Text findet Ihr auch auf www.footage-magazin.de

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