Revilos heile Welt

reviloMein Sohn Carl ist drei Jahre alt und geht mittlerweile stramm auf die Vier zu – aber weder die fortschreitenden Tage noch das Leben selbst machen ihm, im Gegensatz zu seinem Vater, graue Haare. Klar – das Leben ist einfach und dreht sich um Dinge wie Weitsprung, das Kartenspiel Uno, Haribo und – wie könnte es anders sein – Grasflecken auf Jeanshosen. Eben so wie es sein soll. Zudem besteht das Leben für Carl noch aus festen Ritualen, an denen er sich bestens festhalten kann – Rituale, die sich nun schon seit mehr als drei Jahren fest behaupten – das abendliche Schmökern in Kinderbüchern gemeinsam mit Papi oder Mami, je nach dem, wer gerade dran ist, ist eines davon. Die Wahl des allabendlichen Buchtitels liegt natürlich bei Carl, was dazu führt, dass der vorlesende Vater hofft, heute nicht schon wieder das allgegenwärtige Raketenbuch oder zum vierten Mal am Stück „Mein bester Freund ist Polizist“ zum Besten geben zu müssen. Und Hoffnung ist das Einzige, das bleibt, denn: Beeinflussbar ist die Wahl nicht. Im Gegenteil: Macht man die nervende Polizistengeschichte madig, ist ziemlich klar, dass man im Anschluss einem fast Vierjährigen Dinge wie „Spurensicherung“ oder „Gegenüberstellungen“ ebenso so begeisterungsfähig schlüssig näher bringen muss. Kein leichter Job, man will sich ja nichts vorwerfen lassen – später, wenn der Junge 16 ist und mit dem ersten Vollrausch nach Hause kommt. Also hofft man jeden Abend, dass der Sohnemann ganz von alleine das eigene Lieblingsbuch auswählt. Und manchmal hat man sogar Glück, wenn ein kleiner brasilianischer Zauber-Fußballer aus der Nähe von Rio de Janeiro an der Reihe ist. Revilo heißt der virtuose Kicker in dem Buch der Reihe Pixie-Bücher, die ansonsten von Grobi über das Sandmännchen bis hin zum Pinguin Jasper alles im Repertoire hat, was Kinderbuch-Deutschland so her gibt.

„Revilo“ erzählt eine Geschichte, die voll von kindlichem Pathos ist und die sogar Kinder nicht glauben dürften – alltagsverseuchte Väter aber schon. Revilo ist ein begnadeter Fußballer in einem kleinen Dorf, in dem es nur einen verstaubten Sandplatz mit zusammen gezimmerten Toren gibt. Dort zelebriert er das Spiel wie sonst niemand in Brasilien. Er spielt Tag für Tag mit seinen Freunden und sein größter Fan ist seine kleine Schwester. Die wiederum lebt mit Revilo bei ihren Eltern – Mutter: Lehrerin und Pflegerin der kranken Oma, Vater: Automechaniker. Heile Welt in den Favelas – keine Spur von Kriminalität, Hunger oder fehlendem fließendem Wasser oder Strom. Alles gut vor den Toren Rio de Janeiros – ganz so wie man das als Mitteleuropäer so ein paar Stunden nach Feierabend eben gerne möchte. Der kleine Revilo jedenfalls ist glücklich und alles könnte so schön sein – wären da nicht die mit Geldscheinen wedelnden Spieleragenten aus München und anderen Großstädten, die in Revilos Dorf kommen, um ihn mit nach Europa zu nehmen. Doch was passiert? Obwohl das ganze Dorf ihn schon im Trikot der brasilianischen Nationalmannschaft sieht, entscheidet sich Revilo zu bleiben und Automechaniker wie sein alter Herr zu werden. Neee – wat schön! Alle Menschen aus Revilos Dorf sind überglücklich und der kommende Automechaniker bleibt für sie der beste Fußballer der Welt.

Und während ein Vater in Deutschland nach Fassung ringt und mit leicht pathetischem Unterton die letzten Worte des vor ihm liegenden Pixie-Buch mit brüchiger Stimme regelrecht zelebriert, ist der kleine Carl neben ihm schon lange eingeschlafen und freut sich auf das Raketenbuch – morgen mit seiner Mami.

Sascha Theisen

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